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Das ist ein spannendes Projekt, und ein interessanter Werkstattbericht. Er könnte durch einen thesenartigen Ausblick auf die noch ungenutzten Potenziale und die Zukunftschancen digitaler Medien auch in anderen schulischen Szenarios noch gewinnen. So bleibt es ein wenig wie ein zwar ganz interessantes Praxisbeispiel, aber wirkt ein wenig wie ein Solitär, ein Muster ohne Wert (was es bestimmt nicht ist!). Weitergehende Schlüsse aus dieser Praxiserfahrung wären also spannend!

Ich finde das fast etwas zu kurz gesprungen: Sie schreiben das so lapidar – wahrscheinlich, weil es sich Ihnen als jahrelanger Praktiker auf dem Gebiet als gar nicht mehr so revolutionär darstellt. Aber es ist doch erstens ein völlig anderer Zugang zum Lernen und zweitens ein Ernstnehmen von schülerischen Leistungen auf einem ganz anderen Level, wenn die Schüler zu Autoren werden. Obwohl Sie ja dargestellt haben, was sie genutzt haben und hier den Mehrwert verzeichnen, würde es LeserInnen ohne entsprechende Erfahrung vermutlich helfen, wenn hier noch einmal die wichtigsten Errungenschaften nochmal deutlich herausgestrichen werden könnten.

Ich hätte gerne noch mehr gelesen über den Grad an Multimedialität: Fällt es den Teilnehmenden einfach, ihre Texte durch Bild-, Video- und Audiomaterial anzureichern oder stellen sich da Probleme?

Dennoch provoziert das Beispiel der deutschen und polnischen Involvierung bei mir die Frage, ob es auch um Multiperspektivität geht, sprich: verschiedene Deutungen “geteilter” Erinnerungsorte? Das würde sich bei einem solchen Projekt doch durchaus zumindest als Seitenzweig anbieten.

Daniel Bernsen: Classroom4.eu – Schüler schreiben ein multimediales Online-Schulbuch zur Kulturgeschichte Europas

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1 Projektidee

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Classroom4.eu ist ein Schulprojekt zur europäischen Kulturgeschichte. 1 Die Grundidee besteht darin, dass Schüler der Sekundarstufe II zur Geschichte ihrer Stadt und Region selbstständig recherchieren, die regionalen Verflechtungen in Europa entdecken und ihre Ergebnisse online in Form von Essays und Videos veröffentlichen.

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Europa wird dabei verstanden als ein Raum, der durch den Austausch und durch Begegnungen von Menschen konstituiert wird. Dem Projekt liegt also keine teleologische Verengung im Sinne der Vorgeschichte der EU zugrunde, noch ein ausschließlich politisches, wirtschaftliches oder geographisches Verständnis. Der Ansatz vermeidet damit eine „binäre Simplifikation“. 2 classsroom4.eu geht von Europa als einem Kommunikationsraum aus. 3 Die Dichte der Kommunikation bestimmt den räumlichen Zusammenhang und differiert für unterschiedliche Zeiten, Themen und Orte. Metaphorisch lässt sich Europa als Kommunikationsraum als ein gewebtes Stück Stoff vorstellen, das an den Rändern ausfranst. Damit weist das Projekt über einen engen Begriff von Europa hinaus und bietet auch Anknüpfungspunkte für eine globalgeschichtliche Erweiterung.

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Jürgen Osterhammel listet für die Globalgeschichte eine Typologie möglicher kommunikativer Beziehungsformen auf, die jeweils in Kombination vorkommen und in der Regel durch Spezialisten vermittelt werden. 4 Laut Osterhammel konstituiert sich Globalgeschichte aus Prozessen von „Wanderung, Siedlung, Krieg, Tausch und wechselseitigem Lernen“. 5 Daher trägt auch der biografische Zugang zum Thema, der statt Institutionen und Strukturen individuelle Migrations- und Kommunikationsgeschichten in den Blick nimmt. Dieser kurze Aufriss soll ausreichen, um deutlich zu machen, dass das Projekt auch didaktisch innovativ und ambitioniert ist. 6 Im Sinne des Tagungsthemas fokussiert der Beitrag jedoch die Mediennutzung durch Schüler und Lehrer im Projekt. Zum Verständnis des Projekts scheint zudem eine kurze Skizze der Entstehungsgeschichte hilfreich.

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2 Entstehungsgeschichte

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Classroom4.eu geht zurück auf eine Initiative der Europäischen Akademie in Yuste: Die Mitglieder der Akademie haben 2008 eine Erklärung verabschiedet, in der sie die nationale Ausrichtung der Lehrpläne in Europa beklagen und eine Europäisierung der schulischen Inhalte fordern. 7 Der damalige Präsident der Akademie, Abram de Swaan, emeritierter Soziologie-Professor aus Amsterdam, hat daraufhin eine Arbeitsgruppe mit Lehrkräften aus verschiedenen europäischen Ländern ins Leben gerufen, die gemeinsam überlegt haben, wie sich dieser Aufruf in ein konkretes Projekt umsetzen lässt. Die Arbeitsgruppe bestand neben Abram de Swaan, aus Jan Onland, damals Bibliothekar an einem Amsterdamer Gymnasium, dem Vertreter der Yuste-Stiftung und der Region Extremadura in Brüssel, wechselnden Lehrkräften aus verschiedenen europäischen Ländern sowie dem Autor des Beitrags. Finanziert wurde die Arbeitsgruppe, die sich mehrfach in Brüssel, Amsterdam und Paris getroffen hat, durch die Yuste-Stiftung.

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Ursprünglich bestand die Umsetzungsidee darin, einen europäischen Wettbewerb zu organisieren und die besten Schüler-Essays in einem Buch zu veröffentlichen. Davon ausgehend wurde das nun vorliegende umfassendere und nachhaltigere Konzept erarbeitet, das wesentlich auf der Nutzung digitaler Medien beruht. 2010 und 2011 wurden erste Essays von Schülern aus Klassen der Lehrkräfte aus der Arbeitsgruppe verfasst, um das Konzept zu testen und weiterzuentwickeln. Mit Wechsel der regionalen und nationalen Regierung in Spanien zusammen mit der „Finanzkrise“ wurden dem Projekt kurzfristig alle Mittel gestrichen. Seit 2012 hat das rheinland-pfälzische Bildungsministerium für eine Übergangszeit von zwei Jahren die Finanzierung der Internetseiten übernommen. Für August 2013 ist ein Antrag gestellt, classroom4.eu im Rahmen eines zweijährigen Comenius-Projekts weiterzuentwickeln. Jeweils eine Schule aus den Niederlande, Polen, Rumänien, Spanien und der Türkei haben sich dafür zusammengefunden. Classroom4.eu ist aber darüber hinaus offen zur Mitarbeit für alle interessierten Lehrer und Schüler: Das Unterrichtskonzept ist auf Englisch und Deutsch online verfügbar 8, kann im Unterricht verwendet und neue Artikel können jederzeit zur Veröffentlichung eingereicht werden.

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3 Internetseite und Wiki

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Im Internet ist Classroom4.eu ist repräsentiert durch zwei unabhängige Auftritte: eine Webseite 9 mit grundlegenden Informationen zum Projekt sowie einem Wiki 10 mit den erstellten Produkten. Das Wiki ist das Herzstück des Projekts, das als interaktives Online-Schulbuch 11 ausgebaut werden soll. Dem Wiki liegt die freie Software „Mediawiki“ zugrunde, die auch von der Wikipedia genutzt wird und ursprünglich für diese geschrieben wurde. Das hat aufgrund der weiten Verbreitung der Wikipedia den Vorteil der leichten Wiedererkennung und Orientierung, außerdem macht es die Bedienung einfach.

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Das Classroom4.eu-Wiki ist nicht frei editierbar. Es erfolgt ein doppelter Sicherheits- und Qualitätscheck vor Veröffentlichung eingereichter Beiträge: Erstens durch die betreuende Lehrkraft der Schüler und zweitens durch eine gemeinsame Redaktion von Lehrern und Schülern, die die eingesandten Artikel auf formale und qualitative Kriterien hin überprüft. Das heißt, das Wiki wird zur Zeit nur als Publikationsplattform genutzt für namentlich gekennzeichnete Artikel von Schülern, wobei auch für Lehrkräfte die Möglichkeit besteht, Beiträge einzureichen. 12 Einige Lehrerartikel wurden bereits veröffentlicht. Dies ist weiterhin möglich und für die Entwicklung des Projekts wichtig, um thematische Einstiegsartikel mit Vorbildcharakter anbieten zu können, an denen sich die Lernenden orientieren und an die sie anknüpfen können.

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Die Hypertextstruktur eines Wikis mit ihren Verlinkungen ermöglicht die Visualisierung der Grundidee des Projekts, nämlich Europa als über Personen vernetzten Kommunikationsraum zu verstehen und darzustellen. Das ist ein erster Vorteil der Publikationsform Wiki gegenüber einem gedruckten Buch. Mögliche Verlinkungen, also Bezüge zu anderen Personen, die in einem Beitrag auftauchen, aber noch nicht bearbeitet sind, können als neue, leere Seiten angelegt werden. Diese Verweise sind dann in den bestehenden Artikeln rot markiert. Die farbliche Hervorhebung besitzt Aufforderungscharakter, an diesen Stellen mit der Recherche zu starten und mit eigenen Beiträgen die noch leeren Seiten zu füllen.

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Das führt zu einem zweiten Vorteil des Wikis gegenüber dem gedruckten Buch: Es besteht keine Begrenzung hinsichtlich des Speicherplatzes. Alle Orte und Regionen können ihren Platz innerhalb der europäischen Kulturgeschichte in diesem „Buch“ finden. Ein Problem, das zu Kritik an bisherigen Versuchen eines europäischen Geschichtsbuchs geführt hat: 13

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Es „stellt sich jedoch die Frage, ob die Festschreibung einer Geschichte auf europäischer Ebene             nicht die gleichen Gefahren mit sich bringt, wie dies nationale Geschichtserzählungen tun: Zum     Zweck der Schaffung einer gemeinsamen Identität wird ein minimaler Konsens über einen   Geschichtskanon erzielt, der für alle, die ein Mitspracherecht haben, tragbar ist. Dabei müssen zwangsläufig die Erinnerungen bestimmter ethnischer Gruppen und gesellschaftlicher Schichten ausgeblendet werden.“ 14

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Der begrenzte Platz eines Buchs macht einen vergleichsweise hohen Abstraktionsgrad nötig und blendet notwendigerweise lokale, regionale und nationale Sonderentwicklungen aus. Der dezentrale Ansatz von classroom4.eu bietet hingegen die Chance, dass die „Vorteile einer Orientierung des historischen Lernens an der Erfahrung der Nähe und Umwelt […] zu einer kritischen Reflexion von Inklusion und Exklusion durch Nation genutzt werden und neue differenziertere Raumvariablen wie die Region erschließen.“ 15 Im Wiki als Schulbuch kann die jeweiligen lokale und regionale Geschichte Europas exemplarisch in der europäischen Geschichte verortet werden. Michel Espagne hat ausgeführt, dass gerade die Region ein günstiges Anwendungsfeld für die Transferforschung bietet: „Die Akzentuierung der interregionalen Kulturtransfers relativiert [zudem] die Bedeutung des nationalen Rahmens und eine damit einhergehende unwillkürliche Teleologie“ 16, die den meisten Lehrplänen und Schulbüchern weiterhin zu Grunde liegt:

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„Während eine einheitliche deutsche Nation also mitnichten seit der Vormoderne existierte, gab es gleichwohl einen europäisch geprägten Raum. […] Ein europaorientierter Unterricht kann daher die jahrhundertelang verbundene Geschichte des Westens mit dem Osten Europas sowie dem nordisch-baltischen Raum der Ostsee rekonstruieren, Gemeinsamkeiten wiederentdecken und damit Feindbilder aus der trennenden Phase abbauen.“ 17

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Den nationalen Bezugsrahmen zu überwinden war die Forderung der Erklärung von Yuste. Im Projekt wird dieser wissenschaftliche Ansatz in einen schulischen transfomiert, der den Schwerpunkt auf entdeckendes und forschendes Lernen im Sinne eines propädeutisch-wissenschaftlichen Arbeitens in der Oberstufe legt mit breiten Möglichkeiten der Individualisierung und Binnendifferenzierung. 18

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4 Mehrsprachigkeit

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Das Wiki ist mehrsprachig; anders als in der Wikipedia allerdings nicht in parallelen Wikis. Das heißt: Es gibt keine zwei oder mehr Artikel zum gleichen Thema in verschiedenen Sprachen. Beiträge zu zwei Wissenschaftlern z.B. in Deutschland und Polen, die miteinander korrespondiert haben, oder die Geschichte eines Künstlers, der aus Köln stammte, aber für seine Ausbildung nach Italien gegangen ist und dessen Bilder heute auch in Museen in Frankreich hängen, können je nachdem, welche Schüler den Beitrag erarbeitet haben, in unterschiedlichen Sprachen verfasst und direkt miteinander verlinkt sein. Das ist nicht unproblematisch, aber es war eine bewusste, wenn auch umstrittene Entscheidung gegen Englisch als kleinsten gemeinsamen sprachlichen Nenner und ein Statement für sprachliche Vielfalt. Darin unterscheidet sich classroom4.eu auch von dem EUROCLIO-Projekt Historiana, das nur auf Englisch verfügbar ist. 19

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Diese Herangehensweise wurde letztendlich deshalb gewählt, weil sie Schülern und Lehrern das Arbeiten in der jeweiligen Landessprache ermöglicht. Das Ziel ist es, möglichst niemanden auszuschließen und eine breite aktive Partizipation zu ermöglichen. Zur Zeit sind alle Sprachen zugelassen aus Ländern von Schulen, die im Kernteam des Comenius-Projekts mitarbeiten. Es werden zunächst nur Artikel angenommen, die von Lehrern und Schülern der Redaktion geprüft werden können. Ein Großteil der Beiträge werden voraussichtlich in Sprachen eingereicht, die als Fremdsprache an Schulen verbreitet sind. Darin liegt übrigens auch eine Chance speziell für den bilingualen Unterricht in Englisch, Französisch, Spanisch oder Deutsch.

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Probleme entstehen vor allem bei der Rezeption. Die meisten Schüler der gymnasialen Oberstufe dürften Beiträge auf Englisch ohne größere Probleme verstehen. Mit Französisch und Spanisch wird es bereits schwierig, Polnisch oder Türkisch dürfte für die Mehrheit nicht verständlich sein.
Um diesem Problem zu begegnen, können einzelne Schüler mit entsprechenden Sprachkenntnissen als Mittler fungieren und so ihre besonderen Kenntnisse produktiv in ihrer Lerngruppe einbringen, indem sie ihren Mitschüler beim Verständnis der Texte helfen. Zum anderen sei auf Online-Übersetzungswerkzeuge wie z.B. den Google Translator 20 verwiesen. Die Ergebnisse dieser Übersetzungsmaschinen sind zur Zeit noch vielfach überaus bescheiden. Hier sind mittelfristig deutliche Verbesserungen zu erwarten. Aktuell ist der Stand der Maschinenübersetzungen immerhin soweit, dass eine grobe Orientierung über die Inhalte einer Webseite möglich ist und somit zumindest ein Globalverständnis auch von Artikeln in weniger verbreiteten Sprachen möglich ist.

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5 Interaktives und multimediales Schulbuch

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Zur Zeit sind die Inhalte des Wikis auf kurze Artikel beschränkt. Mit dem oben genannten Comenius-Projekt soll das Wiki als interaktives Online-Schulbuch 21 weiter entwickelt werden. Es ist durch die Arbeit auf Grundlage des Wikis kompetenzorientiert, individualisierbar und konstruktionstransparent. 22 Hinzu kommen Multimedialität und Interaktivität, die in den nächsten zwei Jahren im Blickpunkt der Weiterentwicklung des Portals stehen. Geplant sind Videos, Illustrationen, Grafiken, Fotos, Schaubilder, interaktive Übungen, Lernspiele sowie eine mobile App für Smartphones und Tablets. Alle Texte, Materialien und Übungen stehen unter einer Creative Commons-Lizenz 23 und können damit als Open Educational Resources 24, frei genutzt, weiter geteilt, bearbeitet und an anderer Stelle veröffentlicht werden. Das Classroom4.eu-Wiki ist als Teil eines dezentralen Netzwerks von Lehr- und Lernmaterialien zu sehen, die Teil einer persönlichen Lernumgebung (PLE) werden können. 25 Classroom4.eu ist nicht mehr im Sinne eines zentralen Leitmediums wie das bisherige Schulbuch gedacht, sondern wird besonders intensiv in den Wochen der aktiven Projektarbeit genutzt und dient darüber hinaus als Nachschlagewerk zu unterschiedlichen historischen und biografischen Fragestellungen in verschiedenen Fächern.

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6 Nutzung digitaler Werkzeuge

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Neben dem Wiki spielen noch weitere digitale Werkzeuge eine Rolle, die kurz vorgestellt werden: Die Schüler müssen für ihre Beiträge, unabhängig davon ob sie allein, in Partner- oder Gruppenarbeit innerhalb ihres Kurses oder gemeinsam mit Schülern an einem anderen europäischen Ort arbeiten, grundlegende Recherchearbeit leisten. Deshalb bietet sich die Arbeit mit classroom4.eu in Unterrichtsphasen bzw. eigenständigen Kursen zur Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten an. Das ist in den einzelnen Bundesländern und europäischen Staaten jeweils anders organisiert. Mit classroom4.eu können in Form projektbasierten Lernens an einem konkreten Thema grundlegende Methoden und Arbeitstechniken erworben werden, wobei am Ende mit dem Essay für das Wiki auch ein Ergebnis steht, das benotet werden kann.

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In Bezug auf die Recherche innerhalb des Projekts ist es wichtig, dass Internet- mit Bibliotheksrecherche kombiniert wird. Da classroom4.eu lokal- bzw. regionalgeschichtlich angelegt ist, stößt die Suche im Internet oft schnell an ihre Grenzen, sowohl was die Quantität als auch was die Qualität der Fundstellen angeht. Aufgrund des europäischen Zugriffs mit der Verknüpfung von Personen und Orten ist ein einfaches Copy Paste nicht möglich. 26 Es muss in der Regel auch eine Bibliothek oder sogar das Archiv hinzugezogen werden. Dabei entdecken Schüler, beraten und betreut durch ihre Lehrkraft, unterschiedliche Rechercheorte und -wege, deren jeweiliges Potential, aber auch ihre Grenzen.

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Darüber hinaus spielen diverse digitale Kommunikationswerkzeuge für das Projekt eine Rolle. Sie ermöglichen die überregionale europäische Zusammenarbeit 27 sowohl der Lehrkräfte als auch der Lernenden. Zur Vorbereitung und Planung des Comenius-Antrags haben die Lehrkräfte der beteiligten Schulen sowohl Mails als auch vor allem Etherpads 28 benutzt, um Ideen zu sammeln und die Antworten für die einzelnen Antragspunkte gemeinsam zu formulieren. Daneben sind noch Forum, Chat und Videokonferenz sowie die Diskussionsseiten des Wikis als weitere Kommunikationswerkzeuge zu nennen.

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Angedacht ist zudem, dass nach der Startphase im Comenius-Projekt zunehmend auch kooperativ und kollaborativ Produkte zu erstellen, die auf gemeinsam recherchierten und geschriebenen Artikeln beruhen. Dazu bedarf es geeigneter Geschichten, die zunächst noch gefunden werden müssen, weil sie zumindest in Teilen noch nicht geschrieben sind. Um ein Beispiel zu nennen: Beim vorbereitenden Besuch in Uşak, im westlichen Teil Zentralanatoliens in der Türkei gelegen, stellte sich heraus, dass der Bahnhof dort 1915 von einem deutschen Architekten errichtet wurde. Nun ist bekannt, dass während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich deutsche Militärberater gearbeitet haben. Bei einer Internetrecherche ließ sich über diesen Bahnhof oder seinen Architekten zunächst nichts in Erfahrung bringen. Genau solche „Geschichten“ sollen gesammelt werden, um in gemischten Schülergruppen daran zu arbeiten. Für diese Arbeit werden dann Etherpads, Wiki-Seiten, Chats, Videokonferenzen zum Austausch, zur gemeinsamen Erarbeitung und Diskussion benötigt.

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Zusätzlich werden auch Twitter und Facebook genutzt, um auf neue Beiträge im Wiki und interessante aktuelle Thema mit Bezug zum Projekt hinzuweisen und um das Projekt mit anderen Institutionen ebenso wie die teilnehmenden Schüler und Lehrer aus verschiedenen Ländern zu vernetzen und möglicherweise über die mehrwöchige Arbeitsphase in einer Klasse hinaus an das Projekt zu binden. Das ist für Schulen, zumindest in Deutschland, noch vergleichsweise ungewöhnlich, auch wenn es in anderen Bereichen wie Museen, Journalismus oder Tourismus weiter verbreitet und in Teilen sogar selbstverständlich ist. Ob die Nutzung von Social Media in diesem Rahmen erfolgreich sein wird, bleibt noch abzuwarten. In bisherigen Vorbereitungsphase war die Partizipation sowohl von Lehrenden wie Lernenden sehr gering.

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7 Resümee

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Digitale Medien haben im Rahmen von classroom4.eu vor allem Werkzeugcharakter: 29 Sie dienen bei der Erarbeitung zur Kommunikation und abschließend zur Publikation der Ergebnisse. Zugleich Schüler wie auch Lehrer lernen dabei etwas über Medien, z.B. über Wikis und Hypertexte, da sie es nicht nur als Nachschlagewerk nutzen, sondern zugleich lernen, wie Beiträge entstehen und wie Verlinkungen und multimediale Inhalte eine andere Art der Darstellung ermöglichen als z.B. Stift und Papier. Sowohl die Kommunikationswerkzeuge wie auch das Wiki bieten einen an spezifischen Denk- und Lernraum, der sich durch seine Funktionalitäten, Möglichkeiten, aber auch Begrenzungen von alternativen Medien unterscheidet: Ein Wiki zu schreiben ist etwas Anderes als ein Buch; die Kommunikation in einem Chat verläuft anders als ein direktes Gespräch in Anwesenheit der Gesprächspartner. Ein besonderer Vorteil der Nutzung digitaler Medien liegt dabei im Zusammengehen von Form und Inhalt durch die Abbildung von Europa als Kommunikationsraum in den Verlinkungen des Wiki.

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Das Projekt setzt idealtypisch den Grundgedanken des Web 2.0 in der Arbeit um: Die Schüler sind zugleich Konsumenten, die das Wiki als Schulbuch zur europäischen Kulturgeschichte nutzen, und Produzenten, in dem sie selbst Artikel und weitere Inhalte recherchieren, gestalten und veröffentlichen. Die Nutzung digitaler Medien bietet nicht nur in allen Bereichen einen deutlichen Mehrwert, sondern eröffnet neue Formen und Zugänge, die durch ein solches Projekt überhaupt erst möglich werden.

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Literatur:

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Daniel Bernsen/Alexander König/Thomas Spahn: Medien und historisches Lernen: Eine Verhältnisbestimmung und ein Plädoyer für eine digitale Geschichtsdidaktik. In: Zeitschrift für digitale Geschichtswissenschaften 1 (2012), S. 1­27, http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/zdg/article/view/294.

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Daniel Bernsen: Classroom4.eu An interactive textbook for schools on European civilisation and culture. In: elearningeuropa.info, online seit 30. November 2011:http://elearningeuropa.info/en/article/Classroom4.euAn-interactive-textbook-for-schools-on-European-civilisation-and-culture, online auch in deutscher Version verfügbar: http://goo.gl/GhTqV
Frédéric Délouche (Hrsg.): Europäisches Geschichtsbuch. Ein Unterrichtswerk für die Sekundarstufe I und II, Stuttgart 1992.

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Martin Ebner/Sandra Schön: Die Zukunft von Lehr- und Lernmaterialien: Entwicklungen, Initiativen, Vorhersagen. Norderstedt 2012. Online verfügbar: http://l3t.eu/oer/

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EGO | Europäische Geschichte Online – eine transkulturelle Geschichte Europas im Internet
http://www.ieg-ego.eu/ (28. Februar 2013).

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Daniel Eisenmenger (seit 2011 Bernsen): eTwinning eine Chance für den Geschichtsunterricht? Eine Stärkung der europäische(n) Perspektiven durch den Einsatz von webbasierten Kommunikationswerkzeugen. In: geschichte für heute 2/2010, S. 72–78.

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Michel Espagne: Transferanalyse statt Vergleich. Interkulturalität in der sächsischen Regionalgeschichte. In: Hartmut Kaelble/Jürgen Schriewer (Hrsg.): Vergleich und Transfer. Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main/New York 2003, S. 419­438.

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Hilke Günther-Arndt/Urte Kocka/Judith Martin: Geschichtsunterricht zur Orientierung in der Welt – Zu einer Didaktik von Globalgeschichte. In: geschichte für heute 3/2009, S. 25–30.

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Terry Haydn (Hrsg.): Using New Technologies to Enhance Teaching and Learning in History. London u.a. 2013.

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Jan Hodel: Geschichtslernen mit Copy and Share. In: Bettina Alavi (Hrsg.): Historisches Lernen im virtuellen Medium. Heidelberg 2010, S. 111–130.

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Bea Lundt: National-, Europäische, Weltgeschichte. In: Michele Barricelli/Martin Lücke (Hrsg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Band 1, Schwalbach/Ts. 2012, S. 405­421.

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Jürgen Osterhammel: Weltgeschichte: Von der Universität in den Unterricht. In: geschichte für heute 3/2009, S. 5­13.

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Ders. (Hrsg.): Weltgeschichte. Basistexte. Stuttgart 2008.

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Ders.: Weltgeschichte: Ein Propädeutikum. In: GWU 56 (2005), S. 452­479.

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Ders.: Transferanalyse und Vergleich im Fernverhältnis. In: Hartmut Kaelble/Jürgen Schriewer (Hrsg.): Vergleich und Transfer. Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main/New York 2003, S. 439-466.

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Magrit Pernau: Transnationale Geschichte. Göttingen 2012.

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Lilijana Radonic: Europäische Erinnerungskulturen im Spannungsfeld zwischen „Ost“ und „West“. In: Erinnerungskulturen, herausgegeben vom Forum Politische Bildung. Informationen zur Politischen Bildung Bd. 32. Innsbruck-Wien-Bozen 2010, S. 21­26.

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Bernd Schönemann: Didaktische Varianten der Präsentation europäischer Geschichte im Unterricht: In: Kerstin Armborst/Wolf-Friedrich Schäufele (Hrsg.): Der Wert Europa und die Geschichte. Auf dem Weg zu einem europäischen Geschichtsbewusstsein, Mainz 2007 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft online 2), Abschnitt 128–138.

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Waltraud Schreiber/Florian Sochatzy/Marcus Ventzke: Das multimediale Schulbuch – kompetenzorientiert, individualisierbar und konstruktionstransparent. In: Waltraud Schreiber/Alexander Schöner/Florian Sochatzy (Hrsg.): Analyse von Schulbüchern als Grundlage empirischer Geschichtsdidaktik. Stuttgart 2013, S. 212–232.

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Birgit Wenzel: Heterogenität und Inklusion – Binnendifferenzierung und Individualisierung. In: Michele Barricelli / Martin Lücke (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Band 2, Schwalbach/Ts. 2012, S. 238–254.

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  1.       Im englischen Originaltitel: „civilisation“. Vgl. Jürgen Osterhammel: Weltgeschichte: Ein Propädeutikum. In: GWU 56 (2005), S. 452­479, hier S. 476f.; Ders.: Transferanalyse und Vergleich im Fernverhältnis. In: Hartmut Kaelble/Jürgen Schriewer (Hrsg.): Vergleich und Transfer. Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main/New York 2003, S. 439–466, hier S. 444f.
  2.       Osterhammel, Weltgeschichte, S. 462; vgl. auch Bernd Schönemann: Didaktische Varianten der Präsentation europäischer Geschichte im Unterricht: In: Kerstin Armborst/Wolf-Friedrich Schäufele (Hrsg.): Der Wert Europa und die Geschichte. Auf dem Weg zu einem europäischen Geschichtsbewusstsein, Mainz 2007 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft online 2), Abschnitt 128­138.
  3.    Vgl. auch das Projekt zur transkulturellen Geschichte Europas des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz: EGO | Europäische Geschichte Online – eine transkulturelle Geschichte Europas im Internet http://www.ieg-ego.eu/.
  4.             Osterhammel, Weltgeschichte, S. 473.
  5.           Osterhammel, Transferanalyse, S. 443; vgl. auch ders. (Hrsg.): Weltgeschichte. Basistexte. Stuttgart 2008; Magrit Pernau: Transnationale Geschichte. Göttingen 2012.
  6.         Hilke Günther-Arndt/Urte Kocka/Judith Martin: Geschichtsunterricht zur Orientierung in der Welt – Zu einer Didaktik von Globalgeschichte. In: geschichte für heute 3/2009, S. 25–30; Jürgen Osterhammel: Weltgeschichte: Von der Universität in den Unterricht. In: geschichte für heute 3/2009, S. 5–13.
  7.       Der Wortlaut der Erklärung steht auch online: http://classroom4.eu/declaration-2008/.
  8.     Daniel Bernsen: Classroom4.eu An interactive textbook for schools on European civilisation and culture. In: elearningeuropa.info, online seit 30. November 2011: http://elearningeuropa.info/en/article/Classroom4.euAn-interactive-textbook-for-schools-on-European-civilisation-and-culture, online auch in deutscher Version verfügbar: http://goo.gl/GhTqV
  9.       Classroom4.eu-Webseite: http://classroom4.eu.
  10. Classroom4.eu-Wiki: http://classroom4wiki.eu.
  11.   Zur Entwicklung von Schulbüchern siehe Martin Ebner/Sandra Schön: Die Zukunft von Lehr- und Lernmaterialien: Entwicklungen, Initiativen, Vorhersagen. Norderstedt 2012. Online verfügbar: http://l3t.eu/oer/.
  12.           In Einzelfällen haben Schüler auch nur einer anonymen Veröffentlichung zugestimmt. Auch nachträglich ist eine Anonymisierung eines Beitrags möglich. Die Veröffentlichung mit namentlicher Nennung ist im Schulbereich außer in Schülerzeitung und Jahrbuch eher selten und kann auch eine motivierende Wirkung haben.
  13.     Frédéric Délouche (Hrsg.): Europäisches Geschichtsbuch. Ein Unterrichtswerk für die Sekundarstufe I und II, Stuttgart 1992.; zur Kritik siehe u.a. Schönemann, Didaktische Varianten.
  14.         Lilijana Radonic: Europäische Erinnerungskulturen im Spannungsfeld zwischen „Ost“ und „West“. In: Erinnerungskulturen, herausgegeben vom Forum Politische Bildung. Informationen zur Politischen Bildung Bd. 32. Innsbruck-Wien-Bozen 2010, S. 21–26, hier S. 26.
  15.          Bea Lundt: National-, Europäische, Weltgeschichte. In: Michele Barricelli/Martin Lücke (Hrsg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Band 1, Schwalbach/Ts. 2012, S. 405–421, hier S. 411.
  16.     Michel Espagne: Transferanalyse statt Vergleich. Interkulturalität in der sächsischen Regionalgeschichte. In: Hartmut Kaelble/Jürgen Schriewer (Hrsg.): Vergleich und Transfer. Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main/New York 2003, S. 419–438, hier S. 424.
  17.             Lundt, National-, Europäische, Weltgeschichte, S. 413.
  18.           Birgit Wenzel: Heterogenität und Inklusion – Binnendifferenzierung und Individualisierung. In: Michele Barricelli / Martin Lücke (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Band 2, Schwalbach/Ts. 2012, S. 238–254.
  19.       Online: http://historiana.eu/
  20.             http://translate.google.de/.
  21.    Vgl. Ebner/Schön, Zukunft.
  22.             Zu diesen Kriterien vgl. Waltraud Schreiber/Florian Sochatzy/Marcus Ventzke: Das multimediale Schulbuch ­ kompetenzorientiert, individualisierbar und konstruktionstransparent. In: Waltraud Schreiber/Alexander Schöner/Florian Sochatzy (Hrsg.): Analyse von Schulbüchern als Grundlage empirischer Geschichtsdidaktik. Stuttgart 2013, S. 212–232.
  23.        Siehe http://creativecommons.org/.
  24.   „Open Educational Resources are teaching, learning or research materials that are in the public domain or released with an intellectual property license that allows for free use, adaptation, and distribution.“ http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/access-to-knowledge/open-educational-resources/.
  25.           Vgl. Ebner/Schön, Zukunft.
  26.          Siehe auch den Beitrag von Jan Hodel in diesem Band sowie bereits Jan Hodel: Geschichtslernen mit Copy and Share. In: Bettina Alavi (Hrsg.): Historisches Lernen im virtuellen Medium. Heidelberg 2010, S. 111-130.
  27.            Siehe dazu auch Daniel Eisenmenger: eTwinning eine Chance für den Geschichtsunterricht? Eine Stärkung der europäische(n) Perspektiven durch den Einsatz von webbasierten Kommunikationswerkzeugen. In: geschichte für heute 2/2010, S. 72­78.
  28.      „EtherPad ist ein webbasierter Editor zur kollaborativen Bearbeitung von Texten (collaborative real-time editor). Etherpad erlaubt es mehreren Personen, in Echtzeit einen Text zu bearbeiten, wobei alle Änderungen sofort bei allen Teilnehmern sichtbar werden. Dabei können die Änderungen der verschiedenen Bearbeiter farblich unterschieden werden. Eine weitere komfortable Funktion ist die Möglichkeit neben der Textbearbeitung im Bearbeitungsfenster zu chatten.“ http://de.wikipedia.org/wiki/EtherPad (16.04.2013).
  29.         Zu den medialen Modi historischen Lernens siehe Daniel Bernsen/Alexander König/Thomas Spahn: Medien und historisches Lernen: Eine Verhältnisbestimmung und ein Plädoyer für eine digitale Geschichtsdidaktik. In: Zeitschrift für digitale Geschichtswissenschaften 1 (2012), S. 1­27, http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/zdg/article/view/294