Oldenbourg Verlag
Der Oldenbourg Wissenschaftsverlag ist ein Unternehmen von De Gruyter
Akademie Verlag
You must be logged in to write a comment.

Login

Create Account

show all (4)
There are no comments. Click the text to your left to make a new comment.

Sie sprechen mir aus dem Herzen! Die junge Generation früh dazu zu bringen, zu Stimmen im Diskurs zu werden, nicht nur zu Rezipienten, ist eine der großen Aufgaben, übrigens auch im universitären Bereich, in dem ich arbeite. Wir dürfen Schüler_innen und Student_innen da auch mehr zutrauen. Ansätze explorativen, selbstgesteuerten Lernens erhalten so ganz neue Perspektiven. Es könnten mithilfe solcher Projekte sogar Forschungslücken geschlossen werden, auch wenn das etwas hochgesteckt wirkt. Dazu bedarf es aber des Mutes, solche Aspekte und Themen zu finden, die eben nicht einfach zu 100% wiedergekäut werden können, sondern wo es noch offene Fragen gibt. Wenn wir den Lernenden mehr zutrauen, wirkt das ja nur ermutigend.

Ich denke, einen Teil der “Angst” macht den gefürchteten Verlust der von Ihnen weiter oben erwähnten “Deutungshoheit” aus: Im Netz treffen die Geschichts-”Profis” auf viele Geschichts-”Amateure”. Gängige Meinung: Letzter taugen doch nicht wirklich. Aber dem müssen wir uns einfach stellen: Auch die so genannten Amateure sind teil des vielstimmigen Geschichtsdiskurses im WWW. Es hilft nichts, laut zu klagen, denn 1. ist es nur gesund, wenn vermeintliche “Halbgötter in Archivstaub” von vermeintlich unwissenden Amateuren herausgefordert werden und weil 2. ein erheblicher Anteil dessen, was “Amateure” im Netz so präsentieren, Qualität hat und Quellen bereitgestellt werden, an die man sonst vielleicht nicht käme!

Definitiv, es bedarf aber der passenden Kanäle, um das Wissen über diese Vielfalt zu verbreiten bzw. best-practice-Beispiele vorzustellen, z.B. Blogs und die Social Media. In den klassischen Rezensionsteilen findet das doch nicht wirklich statt.

“Die Angst des Historikers vor der Open Science” – das sehe ich auch so. Irgendwie scheint da immer noch eine Art “Genie-Ideal” mitzuschwingen, man brütet im stillen Kämmerlein, möglichst mit einem Quellenbestand, zu dem man durch Sondergenehmigung alleinigen Zugang erhalten hat, an einem großen Geniestreich, irgendwann wird dann – tataaa! – der Vorhang gehoben und das Meisterwerk präsentiert. Einzelkämpfertum ist vielerortens noch die Regel.

Oliver Baumann: Zwischen Deutungshoheiten und digitaler Offenheit – ein Kommentar

1 0

Open, Offen, diese Zuschreibung wabert über zahlreiche Begrifflichkeiten hinweg. Sie ist der Kern von Bewegungen, Hoffnungen, Veränderungsprozessen und der Idealvorstellung, Inhalte, Wissen und Entwicklungen für möglichst viele zugänglich und uneingeschränkt nutzbar zu machen. Zugleich ist es ein Drohgebilde für etablierte Institutionen wie Verlage, Unternehmen, Bürokratien und Expertokratien. Open Data, Open Education, Open School, Open University und natürlich auch Open Science. Alles ist auf einmal offen. Auch die Geschichtsdidaktik oder gar die Geschichte?

2 1

Hinter „Open“ steht die Digitalisierung der Informationen und des Wissens, die Veränderungen durch ein technisches Instrument, durch breite Leitungen, rasante Up- und Downloads. „Open“ ist der Wunsch nach einer, theoretisch, ständigen Verfügbarmachung von Inhalten, die potentielle Neubearbeitung, das Zusammenfügen, das Ergänzen kurz das Remixen von Inhalten, Wissen und Informationen. Das ist revolutionär und erinnert zugleich manchen nostalgischen Historiker an die Zeiten, in denen die regulierte und klar definierte Welt der digitalen Moderne noch nicht Einzug in unser politisches und bildungspolitisches System hielt. Vielleicht macht „Open“ auch Angst, vor der geschaffenen Möglichkeit, wissenschaftlich in einer Dimension arbeiten zu können, die es vorher definitiv noch nicht gab, also einen unbegrenzten Zugang zu theoretisch allen Informationen und Daten dieser und vielleicht auch anderer Welten zu haben. Wir haben nun, ich beziehe mich auf die hochmodernisierten Länder und Gemeinschaften, einen potentiell scheinbar unbegrenzten Wissensraum vor uns ausgebreitet. Wir sehen einen Zustand der Verflüssigung, der Form- und Gestaltbarkeit von Wissen und, das ist der entscheidende Unterschied zu vergangenen Zeiten, die theoretisch mögliche ständige Teilhabe an und Weitergabe von diesem Wissen. Aber warum hat manch eine Wissenschaft noch immer so Probleme mit der digitalen Welt?

3 0

Wir, die Vertreter einer zunehmend digitalen Alltags- und Berufswelt, reden im Sinne einer positivistischen Betrachtungsweise der digitalen Revolution von einer Demokratisierung der Öffentlichkeit, reden wir auch von einer Demokratisierung der Wissenschaft, der Bildung? Alle können bloggen, alle können kommentieren, alle können partizipieren, alle können Wissen verändern, alle können öffentlich werden. Und dank des zunehmenden Angebots freier Bildungsmaterialien, der so genannten Open Educational Resources, können alle – in einer idealen Welt – auch lernen, was und wo er oder sie will.

4 0

Offen oder Open oder was? – Ein Exkurs

5 0

Vielleicht ist an dieser Stelle erst einmal ein Definitionsversuch von „Open“ also „Offen“ oder „Frei“ angebracht. Der Begriff „offen“ hat natürlich eine vielfache Bedeutung. Offen im Sinne von frei zugänglich, offen im Sinne von benutzbar, nicht verschlossen, von bearbeitbar, verbreitbar, offen im Sinne von umsonst. Und offen in diesem Sinne von offenen und freien Bildungsmaterialien – Open Educational Resources.

6 0

Im Jahr 2001 prägte das MIT mit seiner „OpenCorseware“ nachhaltig den Begriff von offenen Bildungsmaterialien, nachdem ein paar Jahre zuvor die Universität Tübingen schon erste Lehrvideos frei im Netz veröffentlichte. Bereits 2002 nahm sich die UNESCO der Thematik auf dem „Forum on the Impact of Open Courseware for Higher Education in Developing Countries“ an und etablierte den Begriff der Open Educational Resources (OER). Anschließend gab es von diversen Stellen, von Stiftungen bis hin zur OECD, zahlreiche Aktivitäten, das Thema der offenen Materialien zu erfassen, bzw. zu beschleunigen. Die OECD präsentierte im Jahr 2007 eine umfassende Studie zur Untersuchung der Anzahl und des Umfangs an Initiativen im OER-Bereich.Aber erst 2011 scheint im Rahmen des 8. Educamps in Bielefeld der Begriff so richtig in der deutschen avantgardistischen Bildungslandschaft angekommen.

7 0

Der Begriff der Offenen Bildungsmaterialien wurde durch die OECD sehr umfassend definiert und gerne orientiere ich mich an dieser Definition:

8 0

„OER are digitised materials offered freely and openly for educators, students, and self-learners to use and reuse for teaching, learning, and research. OER includes learning content, software tools to develop, use, and distribute content, and implementation resources such as open licences.“ 1

9 0

Das bedeutet, alle können online lesen, herunterladen, verlinken, ausdrucken. Es bedeutet auch, dass sich offene Bildungsmaterialien nicht „nur“ auf den Schulbereich beziehen, dass diese bewusst von den Urheber_innen frei gegeben werden und für eine Nutzung und Veränderung zugelassen sind. Und mit der Vergabe bestimmter Lizenzen kann das Ganze dann auch noch frei weitergenutzt und vervielfältigt werden. Aber offen heißt nicht umsonst. Es geht vielmehr darum, dass die Nutzungsrechte an den Materialien zumindest für den nicht kommerziellen Bereich kostenfrei eingeräumt werden. Printpublikationen, Zugang zu Webseiten, Downloads etc. dürfen jedoch und – im Sinne einer ökonomischen Vernunft – müssen auch ihren Preis haben. Für die Free Software Foundation, eine von Richard Stallmann gegründete gemeinnützige Stiftung zur Förderung freier Software, ist auch die kommerzielle Verwendung zwingendes Merkmal von „Open“.

10 0

Digitale Revolutionen und humane Ängste

11 0

Aber sollen alle auch lehren können? Können alle weiterbilden und Materialien erstellen, die den ureigenen und nicht minder hehren Zweck der Bildung haben? Also über die bloße, unkommentierte, undidaktische Bereitstellung von Wissen und Informationen hinausgehen. Wie offen kann und will die Bildung, die Wissenschaft wirklich sein? Wie offen kann Geschichtsvermittlung sein?

12 0

Und an diesem Punkt wird es kompliziert, denn nun treffen verschiedene Partikularinteressen aufeinander: der Überlebenstrieb der Wissenschafts- und Schulbuchverlage, der Wunsch nach Deutungshoheit einzelner Wissenschaftler_innen oder wissenschaftlichen Schulen, der Anspruch pädagogischer Kompetenzen bei den Lehrenden, monetäre Interessen von Autor_innen, die Zielstellung der Ausgewogenheit einer demokratischen Gesellschaft bzw. ihrer öffentlich-rechtlichen Vertreter, die Konkurrenz- und Karriereinteressen einzelner Akteur_innen usw. So manche reagieren bei den Begriffen wie „Digitalisierung“ und „Offenheit“ erst einmal mit Schrecken, mit Unsicherheit, mit gezügelter Neugier bis hin zur konfrontativen Gegenreaktion.

13 0

Doch, und das ist nicht neu, auch die Wissenschaften wandeln sich permanent, sie waren nie statisch, immer je nach Auslegung sogar dynamisch und nun bewegen und verändern sie sich im Zeitalter der Digitalisierung immer schneller.

14 0

Eine offene Geschichtsdidaktik?

15 0

Aber was hat das nun eigentlich mit Geschichtsdidaktik zu tun?

16 0

Zuerst wird die Geschichtsdidaktik, insbesondere im deutschsprachigen Raum, vor allem als eine wissenschaftliche Disziplin betrachtet, die sich dem Thema der Methodik, der Vermittlung und der Förderung von Geschichtsbewusstsein verschrieben hat. Es geht dabei um einen idealerweise gelungenen Mix aus theoretischen Reflexionen über historische Ereignisse, empirischen Forschungen zu historischen, dynamischen Prozessen und um die hoffnungsvolle Weiterentwicklung der Geschichtsvermittlung.

17 0

Doch die Geschichtsdidaktik – oder gröber formuliert die „Geschichte“ – sieht sich im 21. Jahrhundert mit einigen Herausforderungen konfrontiert: Globalisierung, Interkulturalität, heterogene und bildungsferne Zielgruppen, unterschiedlichste Bildungsstandards, Interdisziplinarität, Kompetenzorientierung und natürlich die Digitalisierung, um nur einige der Aspekte zu nennen.

18 1

Und genau hier könnten offene Bildungsmaterialien, die Offenheit von Wissen und technischen Errungenschaften eine neue Symbiose eingehen. Das Netz bietet den Zugang und den Raum für unendliche Quellensammlungen. Projekte wie DeineGeschichte.de, Europeana.eu, lernen-aus-der-geschichte.de, um nur wenige zu nennen, sammeln Geschichten und persönliche Perspektiven ein, bereichern die Geschichtswissenschaften um den Aspekt der Multiperspektivität.

19 1

Zeitzeugenportale und -projekte, wie Zeitzeugenbuero.de, Visual History Archive oder zeitzeugengeschichte.de arbeiten vornehmlich mit Zeitzeugen und archivieren wichtige, persönliche Aussagen, erstellen Quellmaterial, auch wenn Zeitzeugen bekannter Weise nicht immer die besten Freund_innen der Historiker_innen sein werden. Die Geschichte wird in Zukunft vielleicht zusätzlich durch die vielen kleinen Geschichten geschrieben, die als komplementäre Ergänzung der eher makrohistorischen Betrachtungsweise vieler Geschichtsbücher dienen können.

20 0

Gerade die Rückmeldungen von Lehrenden der schulischen und außerschulischen Bildung bestätigen, dass Oral History und Zeitzeugenarbeit einen direkten, persönlichen Zugang zu zeitgeschichtlichen Themen gerade für Jugendliche ermöglichen. Geschichtsdidaktik findet nicht mehr nur an der Universität statt und in ihrer praktischer Umsetzung im Schulkontext, jede Gedenkstätte, jede Initiative, jede Stiftung, jeder Verein wird durch das Internet zu Geschichtsproduzent_innen, zu Geschichtsvermittler_innen. Geschichte wird so zu einem noch dynamischeren Prozess der Deutungen, Sichtweisen, Quellen.

21 1

Und es geht noch einen Schritt weiter, die Lernenden können selbst zu Produzent_innen werden. Es ist eine Chance, die die Digitalisierung mit sich bringt, die aktive Teilhabe, das selbständige Auseinandersetzen mit Quellen, Zeitzeugen, Materialien. Es ist das Aufbrechen von Sender-Empfänger-Strukturen, es ermöglicht eine Didaktik, die das Prinzip der Augenhöhe in den Mittelpunkt rückt und somit die Gelegenheit, das Interesse an Geschichten und der Geschichte nachhaltig zu beeinflussen. Es ist auch eine Chance, die Zugänglichmachung und „Öffnung“ verschiedenster Perspektiven auf Zeitgeschichte zu realisieren und somit das Geschichtsbild zu ergänzen, gerade in heterogenen und multikulturellen Gesellschaften.

22 0

Und wer hat denn nun die Deutungshoheit?

23 0

Diejenigen mit den besten Argumenten, das gilt nach wie vor. Es reden nur mehr mit, oder besser, es gibt nur mehr Daten, Beiträge, Sichtweisen, Akteur_innen. Generell muss man sich heutzutage als Urheber_in eines wissenschaftlichen oder auch eines künstlerischen Werkes mehr denn je Gedanken darüber machen, was man mit seiner Arbeit erzielen möchte: Was soll der Nutzen der eigenen Arbeit sein? Geht man von den hehren Zielen der Wissenschaft aus, sollen in einer Gesellschaft mehr Wissen, vielschichtigeres Wissen, mehr Erkenntnisse geschaffen werden. Diesem Ansatz wird die Definition einer offenen Bildung mehr als gerecht. Auch sollte sich das geschaffene Wissen so weit wie möglich verbreiten, das Netz bietet dazu hervorragende Möglichkeiten, das sollte so manchen Wissenschaftler_innen und Bildungsanbieter_innen doch mehr als entgegenkommen. Außerdem wird Bildungsarbeit zumeist aus öffentlichen Geldern bezahlt oder unterliegt zumindest besonderen Vergünstigungen. Ist da ein „Nicht-Offen“ nicht ein Widerspruch?

24 0

P.S.

25 0

Der Kommentar steht natürlich unter einer cc-Lizenz: CC-BY-SA, kann also gerne mit Namensnennung unter den gleichen Bedingungen überall weiterverbreitet werden, und natürlich auch bearbeitet werden.